Trauerfeier für Peter Striebel am 9. August 2000 zu Psalm, 104
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Liebe Frau Striebel, liebe Familie Striebel, liebe Mittrauernde, wir haben miteinander den 104. Psalm ausgesucht für die Besinnung jetzt. Aus drei Gründen: wir fanden eine Notiz von Peter Striebel, er hat sich einen Satz aus dem Psalm gemerkt. Das Thema des Psalms ist die Natur, die Schöpfung. Und es ist ein Text, der so ehrwürdig und manchmal ein wenig fremd er klingt, uns anzurühren vermag.
So fängt er an (und so endet er auch): Lobe den Herrn, meine Seele!
Dabei handelt es sich aber gleich um eine etwas freie Übersetzung. Sie wissen vielleicht, dass religiöse Juden immer wieder Segenssprüche sagen. Auf Hebräisch kann man auch Gott selber segnen! Nämlich damit seine Segenskraft anrufen, bestätigen, sich selber in dieses Kraftfeld einschliessen. Das tut auch der 104. Psalm: wer ihn betet, fordert sich zuerst einmal selber auf, einzutreten ins Feld des göttlichen Segens. Segne den Herrn, meine Seele!
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Im Psalm wird vom Himmel geredet in der ersten Strophe, dann in der zweiten bis fünften von der Erde, in der sechsten vom Meer, die siebte fasst zusammen. Ich lese den Psalm abschnittweise vor.
V. 1 - 4
Ähnlich wie in Genesis 1, in der klassischen Schöpfungsgeschichte, beginnt alles mit dem Licht. Aber in diesem Psalm hochpoetisch: das Licht wie ein Mantel der Gottheit, sie schlingt es um sich. Und der blaue Himmel wie eine weite Zeltplane, schützend über allem.
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V. 5 - 9
Alles tauchte auf aus dem Wasser, aus dem chaotischen Meer. Gott wird nicht als Werker beschrieben. Sondern sein Wort hat das überschwemmende bedrohliche Wasser zurückgeschickt, gebändigt, damit etwas entstehen konnte. Diese Vorstellung teilt die Bibel übrigens mit den anderen Kulturen im Vorderen Orient: die Schöpfung ist dem unheimlichen Urwasser abgetrotzt. Ich lese die nächsten beiden Strophen, die jetzt stärker die Prägung des Landes Israel aufweisen:
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V. 10 - 18
Das Urmeer ist unheimlich und muss in Schranken gewiesen sein, aber sonst ist das Wasser die Bedingung des Lebens. Zuerst hören wir vom Wasser, das zwischen den Bergen dahinfliesst. Und das ist anders als am Nil oder am Euphrat, wo am Fluss gesiedelt und gepflanzt wird. In den Wadis und den Bachtälern leben die wilden Tiere. Im untern Jordantal gab es bis etwa 1900 einen grünen dichten Gürtel, halb Dschungel, halb Macchia, für Menschen unzugänglich, von wilden Tieren bewohnt, der Wildesel wird erwähnt, später noch die Löwen und vor allem die Vögel mit ihrem Geschrei. Die dort lebenden Tiere schienen den Menschen damals nicht nützlich, eher bedrohlich. Aber der Psalm feiert das wilde Leben ebenso wie darauf folgend das bäuerliche Leben.
Dreimal wird von den Bergen geredet, von denen das Wasser kommt Zuerst waren wir unten, in einem Wadi oder dem Jordantal, wo keine Menschen siedeln. Jetzt die judäischen Berge und die galiläischen Hügel, wo Gras spriesst für Schafe und Ziegen und Kühe, wo Korn wächst und Reben und Oliven. Also Brot für jeden Tag. Wein als festliche Dreingabe und ebenso als Dreingabe das Öl, aus dem Salben bereitet werden, um das Gesicht und den Körper zu pflegen.
Und beim dritten Mal sind die hohen Berge gemeint, da wachsen die mächtigen Zedern, in ihren Zweigen Vögel, und Störche fliegen. Dann in den Felsen die Steinböcke und Klippdachse, unserem Murmeltier verwandt.
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Bisher und auch noch weiter das bewundernde Staunen darüber, was alles da ist. Lange vor dem, was wir können, ist wichtig, was die Erde aus sich ist und was uns, wenigstens ein bescheidenes Stück weit, zur Verfügung gegeben wird. Erst jetzt wird dann von der Arbeit die Rede sein.
Ich lese die 5. Strophe
V. 19 - 23
Im alten Israel rechnen sie mit dem Mondjahr. Und sie reden nicht von Tag und Nacht, sondern von Nacht und Tag, zuerst die Nacht. Der jüdische Sabbat beginnt am Freitagabend, wie Sie wissen und unsere Weihnacht am Heiligabend. Im Wald sind die Tiere nachtaktiv, aber am Morgen beginnt der Mensch seine Arbeit.
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In der sechsten Strophe ein knapper Blick aufs Meer. Für die Juden des Altertums eher unheimlich, fuhren sie doch nicht zur See, sie waren ein Bergvolk. Im Meer Fische und Schiffe und der Lewiatan: die grossen babylonischen und ägyptischen Mythen hätten von ihm zu erzählen, musste er doch besiegt werden, ehe das Urmeer sich verzog. Hier steht er einfach noch für die Rätsel der Meerestiefen. Aber die Gottheit vernichtet das Unheimliche nicht, gibt ihm auch noch einen Raum: es darf auf seine Weise mitspielen.
V. 24 - 26
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Bevor ich die zusammenfassende siebte Strophe lese, spreche ich etwas aus, was Sie bisher vielleicht nicht ganz deutlich gehört haben, weil wir Deutsch reden, auf Hebräisch wäre das schon länger klar. Die Erschaffung der Erde liegt, so wie der Psalm redet, nicht weit zurück und ist auch gar nicht abgeschlossen, sondern sie geht weiter. Die traditionelle Theologie hat Gott den Schöpfer genannt, aber in der Bibel wird ihm nicht dieser Titel beigelegt, dieses Substantiv, sondern ein Partizip: der Schaffende. Die Gottheit ist gegenwärtig schaffend, berührend, weckend.
V. 27 - 30
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Der freigeistige und fromme amerikanische Autor im 19. Jahrhundert Emerson hat gesagt: Alles, was ich gesehen habe, heisst mich dem Schöpfer trauen betreffs alles dessen, was ich noch nicht gesehen habe. Im Psalmengedicht schwingt dieses Vertrauen auf Gott mächtig durch alle Beschreibungen.
Am Ende eines Lebens ist unser Vertrauen zu Gott nicht anders geartet als für den Anfang:
wir alle warten auf dich
du öffnest deine Hand, sie sättigen sich an Gutem,
du erneuerst das Antlitz der Erde.
Das Alte und das Neue Testament halten sich eigentlich nicht auf bei einer Hoffnung für das individuelle, einzelne ewige Leben. Es ist fast immer die Hoffnung ausgesprochen für die Erlösung und Erneuerung des Ganzen. Wir müssen schon glauben, dass nichts verloren geht, und nicht nur, dass ein uns lieber Mensch nicht verloren geht.
Aber weil wir nicht immer die Kraft für das Ganze aufbringen können, befehlen wir jetzt unseren Peter Striebel Gott an, Gott, der lebendig ist und lebendig macht.
Psalm 104:
Wie zahlreich sind deine Werke
1 Lobe den HERRN, meine Seele. HERR, mein Gott, du bist so gross. In Hoheit und Pracht bist du gekleidet,
2 der du dich hüllst in Licht wie in einen Mantel, der den Himmel ausspannt wie ein Zelt,
3 der im Wasser seine Gemächer baut, der Wolken zu seinem Wagen macht, auf Flügeln des Sturms dahinfährt,
4 der Winde zu seinen Boten bestellt, zu seinen Dienern lohendes Feuer.
5 Der die Erde auf ihre Pfeiler gegründet hat, dass sie niemals mehr wankt.
6 Mit der Urflut bedecktest du sie wie mit einem Kleid, hoch über den Bergen standen die Wasser.
7 Vor deinem Schelten flohen sie, vor deiner Donnerstimme wichen sie zurück.
8 Sie stiegen an Bergen hinan und sanken in Täler hinab,[1] an den Ort, den du ihnen bestimmt hast.
9 Du hast eine Grenze gesetzt, die sie nicht überschreiten; nie dürfen sie wieder die Erde bedecken.
10 Quellen schickt er in die Täler, zwischen den Bergen fliessen sie dahin.
11 Sie tränken alle Tiere des Feldes, Wildesel stillen ihren Durst.
12 An ihren Ufern wohnen die Vögel des Himmels, aus dem Gezweig erschallt ihre Stimme.
13 Von seinen Gemächern aus tränkt er die Berge, von der Frucht deiner Werke wird die Erde satt.
14 Gras lässt er sprossen für das Vieh und Kraut dem Menschen zunutze, damit er Brot hervorbringe aus der Erde
15 und Wein, der des Menschen Herz erfreut, damit er das Angesicht erglänzen lasse von Öl und Brot das Herz des Menschen stärke.
16 Die Bäume des HERRN trinken sich satt, die Zedern des Libanon, die er gepflanzt hat;
17 dort nisten die Vögel, der Storch hat in den Zypressen sein Haus.
18 Die Gebirge gehören den Steinböcken, die Felsen bieten den Klippschliefern Zuflucht.
19 Er hat den Mond gemacht zur Bestimmung der Zeiten, die Sonne, die ihren Untergang weiss.
20 Du bringst Finsternis, und es wird Nacht, in ihr regen sich alle Tiere des Waldes.
21 Die Löwen brüllen nach Beute und fordern von Gott ihren Frass.
22 Strahlt die Sonne auf, ziehen sie sich zurück und lagern in ihren Verstecken.
23 Der Mensch geht hinaus an sein Werk, an seine Arbeit bis zum Abend.
24 Wie zahlreich sind deine Werke, HERR. Du hast sie alle in Weisheit gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen.
25 Da ist das Meer, so gross und so weit, darin ein Gewimmel ohne Zahl, Tiere gross und klein.
26 Schiffe ziehen dahin, der Leviatan, den du gebildet hast, um mit ihm zu spielen.
27 Sie alle warten auf dich, dass du ihnen Speise gibst zur rechten Zeit.
28 Gibst du ihnen, so sammeln sie ein, tust du deine Hand auf, so werden sie satt von Gutem.
29 Verbirgst du dein Angesicht, erschrecken sie, nimmst du ihren Atem weg, kommen sie um und werden wieder zu Staub.
30 Sendest du deinen Atem aus, werden sie erschaffen, und du erneuerst das Angesicht der Erde.
31 Ewig währe die Herrlichkeit des HERRN, der HERR freue sich seiner Werke.
32 Er blickt die Erde an, und sie erbebt, er rührt die Berge an, und sie rauchen.
33 Ich will dem HERRN singen mein Leben lang, will meinem Gott spielen, solange ich bin.
34 Möge mein Dichten ihm gefallen, ich freue mich des HERRN.
35 Mögen die Sünder verschwinden von der Erde und die Frevler nicht mehr sein. Lobe den HERRN, meine Seele. Hallelujah.Die Zürcher Bibel (Ausgabe 2007) verwenden wir mit freundlicher Genehmigung des Verlags der Zürcher Bibel beim Theologischen Verlag Zürich, bei dem auch das Copyright für diese Bibelübersetzung liegt.